Mit Spaß!
Meine üblichen Sonntagsgedanken gibt’s heute mal nicht beim Frühstück. Frühstück ist schon durch. Ich sitze im Auto und bin auf dem Weg zu Alex.
Alex ist Tätowierer. Der Tätowierer, der mein more-me-Tattoo gestochen hat. Und wie ich gestern in einem spontan aufgenommenen Video auf Social Media vollkommen korrekt verkündet habe: Alex ist der weltbeste Tätowierer, den ich kenne. 😄
Bei Alex ist heute Tag der offenen Tür. Und weil ich wirklich gut finde, was er macht, weil er mein Tattoo hervorragend gestochen hat und weil er seinen Job genauso macht, wie ich mir wünsche, dass Menschen ihren Job machen, habe ich in den letzten Tagen immer mal wieder seine Beiträge und seine Werbung für den Tag der offenen Tür geteilt.
Ich hatte auch immer mal wieder den Gedanken: Ach, fährst du einfach mal hin. Dann wieder: Ach nee, eigentlich doch nicht. Bis ich relativ spontan beschlossen habe: Doch. Kann ich machen. Ich habe Zeit.
Also habe ich gestern spontan das gerade schon erwähnte kleine Video gemacht und verkündet, dass ich heute Vormittag auch mal da bin. Eine Brause trinken, eine Bratwurst essen und ein bisschen gucken. Vielleicht sieht man sich. Und falls der eine oder andere sein erstes Tattoo plant, kann ich ja notfalls noch ein bisschen Händchen halten. 😄
Inzwischen habe ich offenbar schon zwei Leute motiviert, ebenfalls vorbeizukommen. Eine langjährige Bekannte schrieb mich spontan an: „Was, du bist da? Dann komme ich auch.“ Die andere möchte irgendwann selbst ein kleines Tattoo haben und war sich noch nicht ganz sicher. Also: Komm doch einfach mit. Guck dir den Laden an, lern Alex kennen, krieg ein Gefühl dafür.
Und während ich jetzt so im Auto sitze und mich auf den Tag freue, fällt mir ein, wie viel Spaß mir genau sowas eigentlich macht.
Wenn ich etwas Tolles entdecke, möchte ich es am liebsten in die Welt hinausposaunen. Guck mal hier. Geh da mal hin. Guck dir das mal an. Den musst du kennenlernen. Die macht einen geilen Job.
Wenn ich jemanden wirklich aus vollem Herzen empfehlen kann, dann mache ich das auch. Weil ich jedem wünsche, dass er genau das findet, was für ihn richtig ist. Und weil ich möchte, dass Menschen, die ihren Job wirklich richtig gut machen, auch gefunden werden.
Wenn ich etwas entdecke, von dem ich begeistert bin, möchte ich es zeigen. Weitersagen. Teilen. Am liebsten jedem, bei dem ich denke: Das könnte genau dein Ding sein.
Für mich ist das völlig normal. Und vielleicht fällt mir genau deshalb inzwischen immer öfter auf, wie selten ich das eigentlich sehe. Einfach mal: „Guck mal, was ich Tolles entdeckt habe.“ Oder: „Geh doch mal zu dem, der macht einen richtig guten Job.“
Ohne vorher auszurechnen, was man selbst davon hat. Einfach, weil man etwas richtig gut findet und möchte, dass es auch andere entdecken.
So ein Netzwerk halt. Wäre doch toll.
Ey, warte mal. Netzwerk.
Soziale Netzwerke haben wir doch nun wirklich genug. Ich weiß nicht, ob die ursprünglich mal genau dafür gedacht waren. Aber ich meine mich zu erinnern, dass das früher tatsächlich mal ein bisschen mehr so funktioniert hat. Ich bin ja schon ein bisschen alt. 😄
Mittlerweile scheint uns in all diesen Netzwerken nur irgendwie der Netzwerkgedanke abhandengekommen zu sein.
Du kannst in 30.000 Netzwerkgruppen sein, drölfzig Netzwerkaccounts haben und mit Gott und der Welt digital verbunden sein. Und trotzdem tritt irgendwie jeder auf seinem eigenen Fleck herum und versucht vor allem, sein eigenes Ding über den Äther zu schmeißen: Mein Produkt. Mein Angebot. Mein Beitrag. Meine Veranstaltung. Meine Gedanken. Immer wieder rein damit.
Und natürlich: Natürlich mache ich Werbung. Natürlich nutze ich Netzwerke auch dafür, meine eigenen Sachen zu zeigen. Natürlich habe ich meine Webseiten, meine Google-Accounts und all die anderen Kanäle, damit Menschen mich, meine Angebote und meine Arbeit finden. Völlig logisch.
Und natürlich gehört auch in ein Netzwerk das eigene Zeug rein. Die eigenen Informationen. Die eigenen Gedanken. Die eigenen Projekte. Aber Netzwerke sind doch noch für mehr da.
Da steckt das Prinzip doch schon im Namen: Netz. Verknüpfen. Verbinden.
Ich kann natürlich versuchen, meine eigene Strippe immer weiter zu werfen. Noch mehr Energie reinzustecken, noch mehr Schwung zu holen und damit noch ein Stückchen weiterzukommen. Aber am Ende bewege ich mich trotzdem größtenteils in meinem eigenen Dunstkreis.
Ein Netz wird doch nicht dadurch größer, dass eine einzelne Strippe immer länger wird. Ein Netz wird größer, wenn sich Strippen miteinander verbinden.
Wenn ich etwas Tolles in einem anderen Kreis entdecke und es in meinen eigenen hole, sehen Menschen aus meinem Umfeld plötzlich etwas, das sie vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Und andersherum genauso. Wenn jemand aus einem anderen Kreis etwas von mir aufgreift und dort hineinträgt, sehen mich plötzlich Menschen, die ich mit meiner eigenen Strippe vielleicht nie erreicht hätte.
Genau dadurch wird aus einzelnen Strippen ein Netz. Nicht immer nur weiterwerfen. Auch mal rüberwerfen. Verknüpfen. Kreise miteinander verbinden.
Und genau da musste ich plötzlich an einen Pfirsichbaum denken.
Stell dir einen riesigen Baum vor, voll mit richtig schönen, reifen Pfirsichen. Die hängen ein bisschen zu hoch, um einfach hochzugreifen. Aber die Dinger sind so reif, dass man schon von Weitem sieht: Da müsste einfach mal einer am Baum rütteln.
Darunter stehen zwanzig Menschen. Alle hätten gern einen Pfirsich. Und jetzt fangen alle zwanzig an, sich einen abzuhampeln. Der eine springt. Der nächste reckt sich. Einer sucht einen Stock. Der andere entwickelt irgendeine ausgeklügelte Strategie, wie er möglichst genau an seinen einen Pfirsich kommt. Jeder auf seinem Fleck. Jeder für seinen Pfirsich.
Und irgendwann möchte man eigentlich nur noch fragen: Ey, warum rüttelt nicht einfach mal einer an diesem verdammten Baum?
Man sieht doch schon von Weitem, dass die Pfirsiche reif sind. Einmal ordentlich rütteln – und die Dinger fallen runter.
Ach so. Moment.
Dann würde ja nicht nur der eine Pfirsich runterfallen, den derjenige haben möchte. Dann würden möglicherweise noch mehr Früchte runterfallen. Und möglicherweise würden sogar Menschen einen Pfirsich bekommen, die überhaupt nicht selbst gerüttelt haben.
Puh.
Das möchten ja erstaunlich viele Menschen in unserer Gesellschaft mittlerweile nicht mehr.
Wenn man das so liest, klingt es ziemlich bescheuert, oder? Ist es auch.
Denn derjenige, der rüttelt, steckt kein bisschen mehr Energie hinein, als er hineinstecken würde, wenn er ganz allein unter diesem Baum stünde. Er hat Appetit auf einen Pfirsich. Er rüttelt am Baum. Sein Pfirsich fällt runter. Er hebt ihn auf. Fertig.
Ob dabei noch einer, fünf oder zwanzig andere Pfirsiche herunterfallen, kostet ihn keinen zusätzlichen Handgriff. Sein Pfirsich wird dadurch nicht kleiner. Er schmeckt nicht schlechter. Er muss ihn nicht abgeben. Er hat exakt das bekommen, was er wollte. Nur haben möglicherweise andere ebenfalls etwas bekommen.
Und genau das scheint manchmal schon zu reichen, um lieber nicht zu rütteln. Dann wird weiter gesprungen, gereckt, mit Stöcken herumgefuchtelt und nach irgendeiner möglichst ausgeklügelten Methode gesucht, wie man ausschließlich seinen eigenen Pfirsich vom Baum bekommt.
Oder man verzichtet im Zweifel sogar selbst. Hauptsache, für die anderen fällt nicht aus Versehen auch etwas mit runter.
Wie doof ist das denn?
Dabei könnte es so einfach sein: Rüttel. Nimm deinen Pfirsich. Freu dich drüber. Und wenn dabei für andere auch welche runtergefallen sind: Na und? Du hast doch deinen.
Und selbst wenn es mich manchmal ein kleines bisschen mehr kostet – zehn Sekunden für einen Klick, eine Minute für eine Empfehlung oder fünf Minuten für ein spontanes Video: Na und?
Vielleicht kommt irgendwann etwas zurück. Vielleicht auch nicht. Mein eigener Pfirsich ist doch trotzdem da.
Und manchmal ist längst etwas zurückgekommen und man weiß es einfach noch nicht. Manchmal erfährt man irgendwann ganz zufällig, dass da mal jemand anderes gerüttelt hat. Wenn sich solche Vernetzungen und Verknüpfungen im Nachhinein aufklären, freue und wundere ich mich immer wie ein Kind mit dreieinhalb Jahren unterm Weihnachtsbaum.
Und mal ganz ehrlich: Wie langweilig sind Social-Media-Profile, auf denen seit Jahren immer nur derselbe Mensch seine eigenen Sachen anpreist?
Interessant wird es doch gerade dann, wenn Menschen auch mal Dinge zeigen, die sie selbst entdeckt haben. Menschen, die sie gut finden. Orte, an denen sie gerne sind. Projekte, die sie unterstützen. Ideen, über die sie gestolpert sind.
Dann erfahre ich plötzlich etwas Neues. Dann entdecke ich Menschen, die außerhalb meiner eigenen Bubble existieren. Und dann entsteht Reichweite eben nicht dadurch, dass jeder immer lauter, öfter und aggressiver dasselbe in seiner eigenen Bubble teilt.
Sondern dadurch, dass wir Dinge weiterreichen. Dass wir Verbindungen schaffen. Dass wir das Ganze einfach mal ein bisschen durcheinanderrütteln.
Ich komme mir mit diesem Thema übrigens manchmal schon ein bisschen wie ein Wanderprediger vor. In meinen Seminaren erzähle ich das immer und immer wieder: Vernetzt euch. Promotet euch gegenseitig.
Wenn ihr anfangt, eure Praxen aufzubauen, macht euch einen Google-Unternehmensaccount. Ihr habt hier miteinander gearbeitet. Ihr kennt euch. Ihr habt euch gegenseitig hypnotisiert. Ihr wisst, wie der andere arbeitet. Dann gebt euch doch die ersten Bewertungen. Helft euch gegenseitig beim Start.
Und trotzdem ist es schon mehr als einmal passiert, dass ich später auf die frisch angelegten Google-Unternehmensaccounts meiner Schüler geguckt habe und die Einzige war, die dort eine Rezension hinterlassen hatte.
Schade. Und irgendwie unlogisch. Jedenfalls in „Katrins kleiner Welt“.
Vielleicht schlummert in mir einfach noch das Grundprinzip des stolzen, hilfsbereiten Jungpioniers. 😄
Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf: Ich mache diesen Kram ständig. Weil es mir Spaß macht.
Eine meiner Schülerinnen, Silvana, macht zum Beispiel fantastische Steinskulpturen. Sie schaut sich den Stein an und holt im Grunde nur heraus, was der Stein sowieso schon erzählt. Ich habe mir ihre Arbeiten und ihre Website angesehen und fand das einfach toll.
Ein paar Tage nach dem Seminar hatte ich plötzlich ein Buch von ihr in der Post. Ein Buch mit ihren Steinskulpturen. Sie hat sich gefreut, weil ich mich darüber gefreut habe. Ich habe mich gefreut, weil sie mir das Buch geschickt hat.
Und jetzt liegt dieses Buch bei mir im Wartezimmer. Da können meine Klienten drin blättern. Vielleicht sieht irgendwann jemand eine dieser Skulpturen und denkt: Boah. Genau so etwas möchte ich haben. Vielleicht bestellt irgendwann jemand eine bei Silvana. Vielleicht auch nicht. Völlig egal. Das Buch ist schön. Ich mag es. Es liegt da gut.
Bei mir liegen auch Visitenkarten von Schülern aus. Schüler können mein zweites Praxiszimmer unentgeltlich nutzen. Im Praxisflur hängt ein Bild von Roger „Rog Art“, einem meiner Schüler. Daneben ein QR-Code zu seiner Website. Wer das Bild sieht und wissen möchte, was Roger sonst noch macht, kann gucken – und sich vielleicht irgendwann ein Bild bei ihm bestellen.
Und, und, und …
Vielleicht passiert das. Vielleicht passiert es nie. Vielleicht empfehlen Roger und Silvana mich auch. Vielleicht auch nicht.
Ich führe darüber keine Statistik. Warum auch?
Ich mache diese Dinge nicht, weil ich mir vorher ausgerechnet habe, was sie mir bringen könnten. Ich mache sie, weil ich etwas gut finde.
Einfach mal rütteln und das Gute verteilen.
Und falls dann wieder jemand mit tausend Fragezeichen im Gesicht fragt, warum zum Teufel du das jetzt gemacht hast, könnte die Antwort sein: Weil ich’s kann!
Und weil mein „Pfirsich“ davon nicht kleiner wird.
So. Wanderpredigerjob für heute erledigt.
Und jetzt aber erst mal weiter zum Tag der offenen Tür. Eine Bratwurst trinken, eine Brause essen – oder andersrum 😉 – und mal gucken, was der Tag so bringt.
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