Es ist wegen...

Veröffentlicht am 28. Juni 2026 um 11:44

 

28. Juni 2026, Sonntagmorgen, 10:00 Uhr. Mein erstes Sonntags-Entertainment habe ich heute schon hinter mir.

Direkt nach dem Aufwachen mache ich wie immer erst mal den Ton am Handy wieder an. Kurz checken, ob über Nacht irgendwer versucht hat, mich zu erreichen oder mir etwas wahnsinnig Wichtiges mitzuteilen. Ja. Bingo. Eine WhatsApp von meinem Nachbarn. Dazu Fotos von meinem Auto und der Text: „Dein Außenspiegel wurde abgefahren.“

Äh... ja. Das sind doch genau die Nachrichten, die man sonntagmorgens direkt nach dem Aufwachen gerne liest.

Also Kleidchen übergeworfen und noch völlig verpeilt, ungewaschen und halb im Schlaf runter zum Auto gerannt. Die leise Hoffnung stirbt ja zuletzt – vielleicht ist ja nur die Spiegelkappe abgefallen und liegt noch irgendwo auf der Straße? Denkste. Der Spiegel ist komplett Schrott.

Immerhin: Die Polizei war schon da. Die Tagebuchnummer hing bereits am Auto, zusammen mit einem Zettel, dass ich zur Dienststelle kommen soll, um mir die Daten des Unfallgegners abzuholen. Mein erster Gedanke: Och nö. Na dann hoffen wir mal, dass das auch sonntags geht. Unter der Woche habe ich dafür nämlich einfach gar keine Zeit. Ich hoffe mal, ich kann das heute noch erledigen. Weißt du was? Ich rufe da jetzt einfach mal an. Vielleicht geht’s ja doch irgendwie anders. Ich habe das schließlich schon mal unkomplizierter erlebt.

Also Nummer gewählt und – die nächste Überraschung: Ein ausgesprochen netter Polizist war dran. „Nein, müssen Sie nicht extra vorbeikommen, ich schicke Ihnen alles per Mail.“ Ein paar Minuten später hatte ich alle Daten im Postfach. So mag ich das. Problem. Lösung. Weiter.

Also zurück zum Frühstück. Keine fünf Minuten später gehen die nächsten Nachrichten bei mir ein. „Wegen meines Termins morgen...“, „Hast du schon gehört? Die Straßenbahnen fahren nicht.“, „Wegen der Hitze.“...

Moment... Wegen der Hitze?

Also habe ich erst mal Google und Co. gefragt, was da eigentlich passiert ist. Und sofort springen sie mich wieder an – diese typischen Panik-Schlagzeilen: „Die Hitze legt Leipzig lahm.“, „Nichts geht mehr.“, „Stillstand wegen der Hitze.“ Und wahrscheinlich hört man zwischen diesen Zeilen schon jetzt mein Augenrollen.

Immer wird sofort über das Problem gejammert und als Erstes direkt ein Schuldiger benannt. Hauptsache, die Ausrede steht sofort fest: die Hitze. Aber seien wir doch mal ehrlich: Die Hitze ist nicht schuld! Es ist Sommer. Wir haben Juni. Die Hitze macht genau das, was Hitze eben so macht – und das wahrscheinlich schon seit vor unserer Zeitrechnung. Ein Wetterzustand ist kein Sündenbock. Ja, die Straßenbahnen fahren nicht. Das ist eine Fakt und ein Problem. Aber mit Sicherheit hat die Hitze dieses Problem nicht erschaffen. Und wird es trotz massiver Anschuldigungen nicht lösen. Sie hat nur gezeigt, dass irgendwo etwas den Temperaturen nicht standgehalten hat oder bei der Wartung und Planung geschlampt wurde.

Und genau das verstehe ich einfach nicht: Wie viel Energie da hineingesteckt wird, Sündenböcke zu suchen, Panik-Berichte zu tippen und Social-Media-Postings hochzujagen. Das ist purer Irrsinn. In der ganzen Zeit, mit genau demselben oder vielleicht sogar mit viel weniger Energieaufwand, als man für diese künstliche Panik braucht, hätte sich so manches Problem schon dreimal lösen lassen!

Warum fällt uns das eigentlich so schwer, das einfach auszusprechen? Warum sagt man nicht: „Ja, wir haben da ein Problem. Ja, wir haben da etwas nicht optimal eingeschätzt. Aber wir kümmern uns jetzt darum.“? Fertig. Warum reden wir stundenlang über das Problem, anstatt möglichst schnell nach einer Lösung zu suchen?

Ich hätte das heute Morgen mit meinem Außenspiegel ja ganz genauso machen können. Ich hätte mich auf den Asphalt setzen und jammern können: „Oh mein Gott... Warum immer ich? Wie schrecklich... Wie soll ich das denn jetzt schaffen?“ Hätte ich alles machen können. Hätte nur überhaupt nichts geändert. Der Spiegel wäre davon auch nicht wieder ganz geworden. Stattdessen habe ich telefoniert. Daten besorgt. Versicherung informiert. Problem gelöst? Noch nicht komplett. Aber ich bin auf dem Weg dahin.

Und genau da verstehe ich diese leider immer größer werdende und immer präsenter werdende Dynamik nicht. Ja, ich weiß: Wir Menschen sind problemorientiert. Das gehört zu unserer Psyche, unser Gehirn springt auf Fehler und Gefahren an. Aber ich glaube im Leben nicht, dass die Natur das so eingerichtet hat, damit wir uns stundenlang über Probleme aufregen und in Schockstarre verfallen. Ich glaube, sie hat uns so gebaut, damit wir sie lösen. Das ist ein ziemlich großer Unterschied.

Vielleicht täte uns deshalb allen ein bisschen weniger Social-Media-Panik ganz gut. Und dafür ein bisschen mehr: „Okay... Was machen wir jetzt? Wie lösen wir das?“ Denn seien wir ehrlich: Vom Jammern ist noch kein Außenspiegel wieder angeflogen. Und es ist auch keine Straßenbahn wieder losgefahren. Irgendjemand muss anfangen, das Problem zu lösen.

Während ich das hier schreibe, fällt mir auf, dass genau das wahrscheinlich der Grund ist, warum ich das liebe, was ich tue. Oder besser gesagt: Warum ich so bin, wie ich bin. Mich interessiert es nicht besonders, warum etwas nicht funktioniert. Mich interessiert, wie wir es wieder zum Funktionieren bringen.

Auch das ist eine Facette von more me: Einfach mal selber machen, statt immer nur zu argumentieren, wer oder was schuld ist. Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen – auch das ist ein Sache, die uns hilft immer mehr more me zu werden. Ja, das kann manchmal unbequemer sein. Ja - das ist Training, das ist Arbeit - das kostet Mühe, unseren eigenen Arsc... zu bewegen. Aber nur davon wird man stärker, klüger usw...  jedes Mal ein bisschen mehr. Wie toll wäre das, wenn wir die viele Energie, die diese "Jammer-Es-Ist-Wegen" Dynamik frist, immer mehr in : „Okay. Was kann ich jetzt tun?“ – investieren würden. Jedes Mal ein bisschen mehr? Möglicherweise hätten wir dann mehr und schnellere Lösungen und weniger Panikmache und würden jedes Mal ein bisschen mehr more me werden.  Ich fänds gut . Und du?

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