Ausnahmsweise mal keine Sonntags-Frühstückstrance, sondern Neujahrsmorgen.
Mit Böllerschlag im Kopf!
Ich sitze am Tisch, der Kaffee wird langsam kalt, Blick wie immer ins Aquarium, eine Katze auf der Heizung. Und ich whatsappe mit einer Freundin, die heute Nacht Suchmeldungen gepostet hatte, dass ihr Hund entlaufen ist. In Bayern. Weit weg.
Ich habe nachts die Suchmeldung über alle Kanäle geteilt, die mir zur Verfügung stehen – mitten rein in meine sauber geplanten Silvester-/Neujahrs-Promo-Posts.
Es kommen Reaktionen. Erste Sichtungen. Zwei Tierrettungsvereine klinken sich ein. Hoffnung.
Und genau in diesem Moment bekomme ich eine Nachricht von Jasmin.
Ein Link.
Überschrift: „Angriff auf Einsatzkräfte in der Silvesternacht“ – Sachsen Fernsehen.
Dazu ein Kommentar: „Es gibt ja nur noch Idioten auf dieser Welt.“
Natürlich klicke ich den Link.
Ich sehe mir das Video an – und sehe nichts von dem, was die Überschrift behauptet. Kein belegbarer Angriff. Keine Fakten. Ein paar typische Silvesterbilder aus einer Großstadt. Menschen, Böller, Einsatzfahrzeuge, eine kaputte Scheibe an einer Haltestelle. Ob die von dieser Nacht stammt, von einem Böller, von Vandalismus oder von einem Auto – oder was auch immer – völlig offen. Ein Typ, der sich mit einer Feuerwerksbatterie in der Hand im Kreis dreht – ja, dumm. Gefährlich. Aber kein „Angriff auf Einsatzkräfte“.
Typisches BXXX-Zeitungsniveau.
Und dieses Video hat am Neujahrsmorgen schon über 1300 Klicks.
Und in mir geht etwas hoch. Und zwar richtig.
So ein innerer Vulkan, den ich schon länger nicht mehr hatte.
Ich schicke Jasmin eine Sprachnachricht. Dass mich diese Art von Nachrichtenkultur tierisch aufregt. Dieses laute Schreien ohne Substanz. Dieses Energieverbrennen. Dieses Aufregen über Dinge, nur um sich aufzuregen, die weder neu noch überraschend sind, sondern in Großstädten an Silvester leider genau so aussehen. Sicher darf man das scheiße finden. Aber wenigstens sollte der Inhalt zur Überschrift passen. Und selbst dann ist es in dieser Art einfach nur Energieverschwendung.
Dann lese ich auch noch die Kommentare.
Und da wird es endgültig absurd. Katrin schon kurz vorm explodieren.
Der eine weiß, es waren „die Linken“.
Der nächste ist sicher, es waren „die Ausländer“.
Ein anderer weiß ganz genau, in welchem Stadtteil das war – obwohl im Video klar der Augustusplatz zu sehen ist und keiner der genannten Stadtteile.
Ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung. Immer wieder faszinierend.
Wir diskutieren ein bisschen hin und her.
Und irgendwann kommt der Satz:
„Du regst dich doch auch auf. Du machst doch gerade genau das Gleiche. Du machst doch auch nichts.“
Und da ist bei mir innerlich kurz Ende.
Wie – ich mache nichts?!
Eh! Moooment mal" Man sieht es halt nicht immer.
STOP! In meine Kopf:" Was wird das denn jetzt? Bis eben hat sich alles richtig angefühlt - was ist gerade passiert?! Guck hin!
Also gucke ich:
Mein Silvester ist war ein ruhiges Jogginghosen-Silvester.
Mit vier Katzen bei mir – meine und die meiner Nachbarn, weil dort Party ist. Die Katzen sind entspannt. Ich schneide Videos, mache Dinge, die ich schon lange machen wollte, bastle Neujahrs- und Promo-Videos. Ich bleibe bis nach Mitternacht wach, bis die Böllerei vorbei ist. Die Katzen sind entspannt. Sitzen am Fenster, gucken raus, schlafen. Keine Panik. Keine Verstecke. Nur Neugier.
Vielleicht – nur so als Gedanke – hat das auch etwas damit zu tun, wie entspannt oder panisch die Menschen sind, die mit ihnen zusammenleben.
Nebenbei helfe ich noch einem Nachbarn, der in einem ganz offiziellen Laden illegale Böller bekommen hat. Kurz recherchiere ich, was jetzt sinnvoll ist. Was man tun kann. Was nicht. Infos weitergegeben. Fertig.
Und genau da macht es bei mir Klick. Während ich alles so mache wie immer – und ja: nicht immer alles mit euch öffentlich teile – passiert diese unfassbare Energieverschwendung.
Dieses Aufregen im Kreis.
Dieses Sich-Empören über Empörung und die Empörung, sich über die Empörung zu empören …
Diese Endlosschleifen, in denen Energie, Nerven und Tatkraft einfach verpuffen.
Jedes Aufregen – oder sich aufregen, weil sich jemand aufregt, oder sich aufregen darüber, dass sich jemand aufregt, weil sich jemand aufregt – kann ganz hervorragend davon ablenken, den eigentlichen Grund der Aufregung zu beheben oder irgendetwas Sinnvolles zu tun.
In der Zeit, in der ich klicke und diskutiere, könnte ich lieber die Katzen streicheln.
Der Geschirrspüler wäre auch dankbar gewesen.
Oder ich mache einfach weiter das, was ich ohnehin gerade mache.
Und ja – jetzt schreibe ich diesen Blogbeitrag. Auch das kostet Energie. Aber hier sehe ich zumindest die Chance, dass jemand kurz innehält und denkt:
Stimmt. Warum regt mich das eigentlich so auf? Ich könnte lieber …
Apropos Katzen streicheln …
…
Panther, Hildi, ich komme!
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